Seiten einer Landfrau

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Unsere Großhühnerei

Landleben in unserer Zeit

Bauernblatt im August 1962

 Seit 2 Jahren haben wir eine Großhühnerei (nach Herrn Doberts Meinung allerdings keine Großhühnerei, denn es sind keine 1000 Tiere). Im Dezember wurden die letzten Puten geschachtet. Sie bewohnten zuletzt das Hühnerhäuschen. Aber von 26 Küken habe ich nur 15 großziehen können. Das sind zu große Verluste. die durch die sogenannte Schwarzkopfkrankheit, die alle Vögel befallen kann, hervorgerufen wird. Man kann heute die kleinen Puten retten.

Mit den Puten ist nun das letzte Stück Romantik mein Mann sagt: „unrentable Geflügelhaltung“ vom Hof verschwunden. Im Frühjahr war es immer ein wundervolles Bild, wenn der Truthahn auf dem Rasen stand und sein Rad schlug; dieses wunderhübsche Puterrot seines Kopfes mit dem Gehänge, dann sein schwarzes schillern­des Federkleid und die schwarzweiß gerandeten Schwanzfedern. die das Rad bildeten. Vor allem die Küken haben mir immer viel Freude bereitet. Mir fehlte richtig das Gepiepse im Frühjahr. Ich weiß natürlich, dass das Zubettbringen der Puten immer ein bisschen Arbeit macht, aber ich habe es als kleine Spaziertour betrachtet. Sie standen nämlich nicht, wie meine Gänse, pünktlich um 5 Uhr vor der Tür, sondern ich musste sie alle suchen. im Herbst. wenn es früher dämmerig wurde, musste ich sie rechtzeitig in den Stall bringen, sonst flogen sie auf die Bäume. Bei uns schnattert und gackert nun kein Geflügel mehr ums Haus.

Wir haben unseren ehemaligen Speicher zu 2 Hühnerställen. umgebaut, einen für 500, den anderen für reichlich 300 Hühner. Wir sind vorsichtig mit dem Aufbau dieses neuen Betriebszweiges gewesen. Wir haben nicht allzu viel investiert, wir möchten erst einmal sehen, ob die Sache sich lohnt, und schließlich müssen die Hühner dann das Weitere verdienen. Dieser Gebäudeteil hat Blechdach. und wir haben die Trempel isoliert, das Dach zur Hälfte verkleidet (ohne Isolierung), der andere Teil der Decke Schließt mit einer Strohschicht gegen das Dach ab. Nachdem nun in dem einen Stall die 2. Hühnerpartie am Legen tat, haben wir noch keine optimalen Stallbedingungen, die Ent- und Belüftung klappt nicht. Wir werden die Decke isolieren und Ventilatoren und Schlitze einbauen müssen, wenn wir die Entlüftung in Ordnung bringen wollen. Die Hühner haben zwar gut gelegt, aber im Winter bei starkem Frost. und im Sommer bei großer Hitze ist der Stall nicht genügend isoliert, dann sinkt die Legeleistung immer ab. Dadurch haben wir zu große Verluste, es legen nach einem Jahr prozentual nicht, mehr genug Hühner, und ich schlachte in. Abständen. die Nichtleger. raus. ich verkaufe sie hier im Umkreis lebend oder tot im Federkleid, so habe ich am wenigsten Arbeit damit.

Diese Hühner habe ich als Küken auf dem Hausboden unter einem Gasschirm aufgezogen. Zunächst fange ich in der alten Bodenstube an; wenn die Fläche voll gewachsen ist. bekommen die Küken Raum unter dem Dach dazu, das wir schön verkleidet haben, damit es nicht zieht; Die Bodenstube bleibt der warme Raum und Schlafplatz, unter dem Dach Futterplatz und Scharraum. Diesen Kükenraum haben wir vom übrigen Bodenraum mit einer Holzwand mit Tür abgeteilt und unter dem Dach mit Plastikfolie bespannt.

Wenn die Küken 8-10 Wochen alt sind, müssen sie dort raus. Sie werden dann in den Legestall transportiert. Weil sie nun doch einzeln gegriffen werden müssen, lassen wir sie gleich gegen Pocken und Diphterie impfen. So habe ich immer einen Stall am Legen.

Wenn man eine intensive Haltung betreibt, muss man zunächst darauf achten, dass man Hybrid-Küken aus einer Geflügelzucht bezieht, wo die Elterntiere mit Fachkenntnis und Gewissenhaftigkeit gehalten werden, so z. B. keine schwächlichen Junghennen zu Elterntieren gemacht werden, die nachher verminderte Vitalität und Leistungsfähigkeit an ihre Nachkommen weitergeben. Wenn man nun die Junghennen richtig aufgezogen hat, ist es weiterhin wichtig, bei der Fütterung, Licht ein- und auszuschalten und dass Be-und Entlüftung usw. regelmäßig durchgeführt wird. Man muss die Tiere täglich gut beobachten, um unnötige Verluste zu vermeiden. Für die Rentabilität sind dann zwei weitere Faktoren maßgebend: „der Futterpreis“ der nun nach dem neuen Getreidepreissystem variabel ist und die Legeleistung mit dem Eierpreis. Aber die Hühner können noch so hervorragend legen, wenn der Eierpreis, wie in diesem Jahr zu gering ist, dann Ist eine Intensivhaltung mit Hühnern wenig interessant. Wir hoffen aber, dass das Jahr mit dem Tal, in der Eierpreisentwicklung einmalig bleibt und so doch die Hühnerhaltung für uns eine Rente bringen kann.

Jeder möchte natürlich gern einen guten Preis für seine Ware erhalten, und so erzählte ich neulich meinem Eierhändler, dass wir, obwohl wir die schönen großen Eier aus dem einen Stall hätten, viel lieber die kleinen der Junghennen äßen, die viel herzhafter schmecken. Ob er nicht eigentlich die Junghenneneier deswegen ein bisschen besser bezahlen könne. Er meinte. das könne er nicht, das ginge nun einmal nur nach Größe, aber ihm wäre bekannt, dass das zarte jungfräuliche Ei besser schmeckt als das der älteren Henne, eine Zwanzigjährige sei ihm auch lieber als eine „Achtzigjährige“.

Wir haben eine Waage

Landleben in unserer Zeit

Bauernblatt 01. September 1962

Da wir jetzt weniger Arbeitskräfte auf den einzelnen Höfen haben, ist jeder einzelne, der noch einspringen kann, doppelt wichtig geworden. Es ist nicht nur nötig, dass wir Frauen in der Ernte und bei Arbeitsspitzen mithelfen, sondern auch in Krankheitsfällen oder aber bei Arbeiten, bei denen nur für kurze Zeit eine Person zusätzlich gebraucht wird.

Wenn der Strom ausfällt, wie etwa neulich bei der Flutkatastrophe oder die Melkmaschine aus anderen Gründen streikt, als z. B. neulich die Pumpe nicht mehr ging und die Austauschpumpe erst am anderen Tag da war, in solchen Fällen ist es gut, wenn man mit der Hand melken kann, wenn man auch nicht gerade mehr in der Übung ist. Das sind ja alle nicht mehr, wo mit der Melkmaschine gemolken wird, so kann man doch helfen. Auch ist es vorgekommen, dass mein Mann in der Kartoffelernte stand, die Kartoffeln waren auf gerodet und Sammler bestellt, da wurde unser Mitarbeiter, der damals das Melken besorgte, plötzlich krank. Da freute ich mich, dass ich einspringen konnte. Es ist nicht so schwierig, wie das zunächst aussieht. Wir haben einen Bestand von über 20 Kühen, die immer im Stall gemolken werden, da wir unser Land arrondiert um das Gehöft liegen haben. Jede Kuh hat im Sommer – im Winter stehen sie nach Futtergruppen zusammen – ihren festen Platz, und die Starken müssen dann lernen, sich im Frühjahr auf ihren festen neuen Platz zu stellen. Da ich mich für unsere Kühe sehr interessiere, kenne ich die meisten.

beim Viehaustreiben im Frühjahr Ist meine Hilfe auch erwünscht, dann ist es gut, wenn man nicht nur kräftig „bölken“ und mal flott rennen kann, sondern auch wenn man einen kräftigen Stock zur Hand hat.

Auch das Liefern der Mastbullen, die dann von der Weide verkauft werden, ist meistens keine einfache Sache. Erst müssen diejenigen, die verkauft sind, von den andern getrennt werden und dann ins Dorf zur Gastwirtschaft getrieben werden, wo Waage und Verladerampe sind. Da gibt es leider immer so viele Möglichkeiten, wohin so ein Bulle dann laufen oder springen möchte, um ja nicht dorthin zu gehen, wohin er soll. Laufen sie dann erst in Richtung Dorf, dann geht es meistens glatt, und ich bin entbehrlich. Wenn aber der Viehbestand auf Tbc und Bang untersucht werden soll, dann werde ich immer für schreibkundig genug befunden, um d1e Nummern der Tiere aufzuschreiben. Auch wenn nachts eine Kuh kalben oder eine Sau ferkeln soll, kann ich doch mal meinen Mann ablösen und für ihn nachsehen, damit er dann durchschlafen kann. Aber auch wenn eine Kuh nach Feierabend kalbt versuchen wir allein damit fertig

zu werden: einer weitet, der andere zieht. Es kann aber auch vorkommen, dass wir es nicht allein schaffen können, dann wissen wir, dass unser Mitarbeiter zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit ist, uns zu helfen. Auch die Nachbarschaft hilft gegenseitig. So sind wir natürlich froh, wenn die jungen Tiere am Tage geboren werden, da dann niemand um seinen Schlaf gebracht wird.

Obgleich unser Hof allein liegt, kommt es doch ab und zu vor, dass nachbarliches Vieh. zu uns findet, besonders im Herbst, wenn die Nächte rauer werden und die Rüben schon so gut schmecken. An einem Novemberabend spät, wir lagen schon im Bett, meinem Mann ging es nicht gut; und er schlief schon, hörte ich wie sich ein tiefes Brummen vorn um den Garten zur Hofeinfahrt zog.

Es wehte ein kalter starker Herbstwind. Das Brummen kam immer näher und war sehr kräftig zu hören. Nun schienen die Tiere auf dem Hofplatz angelangt zu sein. Oh weh, da standen ja unsere Milchkannen! Ich zog mir schnell den dicken Bademantel und Schuhe an. Im Mondschein konnte ich dann die Silhouette von sieben Tieren, es waren wohl Ochsen, sehen. Sie röhrten auch kräftig weiter, als ich kam. Zwei senkten den Kopf, als wollten sie die Milchkannen angreifen. Ich konnte sie nur fortjagen und trug auf alle Fälle die Milchkannen dort weg. Oh, ich war so wütend darüber, dass ich in der Kälte raus musste, und während ich so die Milchkannen wegschleppte, wünschte ich dem Tierhalter, er solle nichts Anderes zu Weihnachten kriegen als eine Rolle Stacheldraht. Nachher überlegte ich mir, dass das noch zu viel war, denn Stacheldraht ist recht teuer.

Als nun in diesem Frühjahr der Gemüsegarten schön gegraben war und auf die Bestellung wartete, sah ich bei der Hausarbeit plötzlich zwei Starken im Garten toben. Sie waren auch gleich im· Gemüsegarten, dort sackten sie beinahe bis zum Bauch im Gegrabenen ein. Ich war natürlich sofort draußen. Als ich gerade dabei war, sie nach hinten zum Laufstall zu bringen, von wo sie ausgerückt waren, kam der Nachbar vorbei Er rieb sich die Hände und meinte: „Wie gut, dass es nicht meine Biester sind.“

Auch beim Schweineliefern wird jeder Mann gebraucht. Wir haben eine geeichte Waage auf dem Hof und verkaufen nun nach dem Umbau des Schweinestalles die Mastschweine ab Hof. Die Schweine werden morgens gleich gewogen, so d1aß das beendet ist, wenn das Schweineauto kommt. Der Chauffeur, unser Mitarbeiter und mein Mann laden dann gemeinsam die Schweine auf, während ich drinnen mit dem Schweinehändler die Abrechnung mache. Früher brauchten unsere Männer für das Schweineliefern einen halben, ja manchmal einen ganzen Tag. Als bei meiner Kusine auch eine eigene Waage eingebaut worden war, war ihr Mann so traurig darüber, denn nun gab es beim Schweineverkauf ja keinen Punsch oder Grog mehr; Sie musste dann die beiden zu Hause entsprechend versorgen. Auch unser Schweinehändler klagte, als ich meinte, so sei das Schweineliefern doch viel einfacher, darüber, dass das Schweinekaufen so viel weniger romantisch sei. Früher hätten sie dann in der Gastwirtschaft gesessen und immer noch mal eine Runde ausgegeben und geschnackt, und so wurde darin immer noch mal der Kaufpreis auf der Rechnung geändert, damit Mutti zu Hause nicht merken konnte, wie viele Schnäpse ihr Mann dann gehabt hatte.

Pferdegeschichten

Landleben in unserer Zeit

Bauernblatt 11. August 1962

Nach dem Krieg gab es zunächst kaum Autos. Man besann sich umso mehr auf den Reitsport; viele Bauernsöhne und -Töchter besuchten die Reit- und Fahrschulen und dorthin brachten sie oft auch zum Lehrgang ihr Pferd und das Futter dafür mit. Mein Mann hatte auch eine Reit- und Fahrschule besucht, und ihm machte das Reiten sehr viel Freude. Sein Vater kaufte für ihn einen jungen Holsteiner Schimmel. In der Brautzeit hatte ich wohl mal zu hören bekommen, dass „Lorbass“, so hieß der Schimmel, nicht ganz sicher sei, aber er müsse nur fleißig im Geschirr gehen, dann gebe sich das.

Mit dem Schimmel zusammen wurde meistens der „Schwarze“, ein Oldenburger, angespannt. Den Schwarzen durfte ich haben, als ich in der Brautzeit hier auf Besuch war; ich wollte nämlich gern einen Tag nach Wiesenfeld, meiner alten Heimat, rüberfahren. Über die Ländereien des Hofes führte ein einfacher Weg zum Wald. Dann wählte ich Feldwege, um so die Fahrzeit zu verkürzen. Es war Wintertag. Ich war am Vormittag gefahren und sollte rechtzeitig nachmittags zurückfahren, Eine Wagenlampe hatte ich mit.

Die Rückfahrt verlief auch gut, nur dunkelte es ziemlich schnell. Als ich durch den Wald auf die Heide kam, war von unserem ganzen Gehöft kein Lichtschimmer zu erblicken. Die Lampe leuchtete zwar, aber doch nicht so viel, dass ich den Weg finden konnte. Ich schlug also die gedachte Richtung ein. Es ging langsam über einen Sturzacker. Plötzlich stand der Schwarze still, er stand vor einem Stacheldraht, nun wusste ich gar nichts mehr. Ich ließ ihn nun einfach allein laufen, in der Hoffnung, er würde den Weg finden, zunächst also immer an dem Stacheldraht entlang.

Im sah weiter nichts, als das Pferdehinterteil, die Deichsel und die Leine und im Übrigen schwarze Nacht. In der Ferne blinkten einige Lichter, aber ich kannte hier die Richtung nicht. Der Schwarze stand wieder vor einem Drahtzaun. Ich sagte nur „hüh“ und ließ ihn weiterlaufen. Es war beinah so, als ob die Zäune kein Ende nehmen. Schließlich hörte der Sturzacker auf, und der Schwarze fand den Weg. Auf dem Hof hatte man schon besorgt nach mir ausgeschaut, es war mittlerweile ¼ vor 8.

Als wir nun verheiratet waren, hatte mein Mann den Schimmel ein paarmal in die Gig gespannt. Es gab immer Theater mit ihm und meistens auch Stücke. Wenn er jeden Tag auf dem Feld arbeitete, war er einigermaßen friedlich.

Nachdem ich zwei Monate hier war, wollte im gern einmal einen Tag fortfahren, um eine Freundin zu besuchen. Obwohl der Schimmel nicht gern mit mir loswollte, nahm ich ihn doch immer wieder. Er konnte weit ausgreifen und so kam man schnell mit ihm zum Ziel. Ab und zu hatte ich ja auch Besorgungen zu machen und alles per Rad hierher zu schleppen, war mühsam, so war das Pferdefuhrwerk doch angenehmer.

Am besten lief Lorbass in unbekannter Gegend. Allmählich wusste ich, dass er vor Baumstämmen, Rohren, Säcken und ähnlichen Dingen scheute. Auch wollte er einmal nicht mit mir über eine Brücke. Er machte kehrt, ich bekam ihn zum Halten und führte ihn nun am Zaum über die Brücke. Dann ging es weiter.

Die Umgänglichkeit des Schimmels richtete sich nach seinem Arbeitsmaß und danach, welcher junge Mann mit ihm umzugehen hatte. Montags war immer ein schlechter Tag, weil die Pferde am Sonntag auf dem Stall gestanden oder aber auf der Weide gelaufen hatten. Es traf sich nun auch nicht immer so, dass gerade von den Männern einer auf dem Hof war, um mir beim Anspannen behilflich zu sein. Der Schimmel wollte nach wie vor nicht in die Einspännerdeichsel. Manchmal half mir das junge Mädchen, sie gab ihm Brot und hielt ihn am Kopf fest, solange sie sich traute. Ich versuchte dann inzwischen die Gabeldeichsel schnell um ihn zu schieben und festzumachen. Handtasche, Schirm, Decke, Peitsche, und was ich sonst mitbrauchte, hing oder steckte dann schon auf dem Wagen, sobald ich ihn am Kopf losließ, musste ich mit der Leine in der Hand aufspringen, denn dann sauste er ab. Zunächst wollte er aber dann nicht von ·den heimatlichen Gefilden fort. Er versuchte immer, ins nächste offene Heckloch mit mir einzubiegen. Im musste dann wohl oder übel dort mit ihm eine Runde drehen, und unter Peitschenhieben musste er dann auf den richtigen Weg mit mir.

Einmal fuhr ich mit meiner Freundin, die auf Besuch war. Sobald wir weiter vom Hof entfernt waren, hatte der Schimmel sich damit abgefunden, dass er eine Fahrt machen musste. Wir fuhren auf der Teerstraße und unterhielten uns. Plötzlich fiel dem Schimmel ein, dass er über den Nebenweg nach Hause kommen konnte, er bog rechts ein und galoppierte. Um ihn von diesem Nachhauseweg abzubringen, bogen wir zum nächsten Hof ein, drehten dort eine Runde auf dem Platz, und dann musste er mit uns zurück zur Teerchaussee.

Einmal stellte ich den Schimmel in einer Gastwirtschaft in der Durchfahrt unter, band ihn mit einem Halfter an und ging zum Friseur. Als ich gerade unter der Haube saß, wurde dort angerufen, ich möchte sofort kommen, um die Durchfahrt freizumachen. Der Schimmel lasse sich nicht vom Platz führen und mache Unfug. Im konnte nicht kommen. Statt meiner holte man einen Fachmann und wie hatte der mit dem Schimmel den Platz gewechselt! Er hatte den Wagen vom Pferd getrennt. Die Deichsel abgeschraubt und die Schnallen am Pferdegeschirr gelöst, wo sie nicht gelöst werden sollten. Im musste alles wieder zusammensuchen und dann nach Hause fahren. Im hatte den Eindruck, dass der Schimmel froh war, als ich kam, so zahm ließ er sich anspannen. Oder hatte er sich dort ausgetobt?

Einmal hatte ich Besuch zur Bußhaltestelle gebracht und fuhr im Trab nach Hause. Ob nun der Schimmel vor etwas bei der Schmiede gescheut hat oder ob ihn der Hafer stach, weiß ich nicht. Bei der Schmiede fing er plötzlich an zu galoppieren, und ich konnte ihn nicht halten. Ich war ja für das starke Pferd nur ein Spielzeug. Es hörte überhaupt nicht auf zu galoppieren. Ich hielt nur mit aller Kraft die Leine. Ringsum sah ich nichts mehr. Ich sah nur die angezogenen Beine unter dem mächtigen Pferderücken. „Wenn nur kein Fahrzeug kommt“, war mein Gedanke. An der Straße saßen an einigen Stellen die Frauen beim Melken. Sie sind beinah von den Böcken gefallen. Plötzlich kam der Nachbar Lorenzen aus seiner Hofeinfahrt und wollte dem Schimmel in die Zügel fallen. Ich winkte ab, denn ich wusste, es wäre sinnlos gewesen. Bis zum letzten Gehöft vor unserem brannte der Schimmel noch mit mir durch, dann war unser Gehöft in Sicht, und er fiel in einen gemütlichen Trab. Ich hatte noch lange hinterher Herzklopfen

Wenn ich nun mal mit dem Auto komme, sagen die Bekannten doch manchmal: „Manjut, du kummst nich mit dad ol wilde Peerd.“

Unsere heutige Wirtschaftsform zwingt uns ja leider dazu. möglichst ohne Pferde zu arbeiten. So hatten wir nun zuletzt nur noch zwei Schleswiger Stuten, „Lotte“ und „Lena“, das tat mir immer so leid. Sie wurden nebenbei gehalten. Stramme Tage hatten sie auch nur wenige noch. Im Winter war bei der Tbc-Umstellung kein Platz mehr im Stall für sie. Sie liefen draußen auf der Weide, und wenn die Witterung zu ungünstig wurde, brachten wir sie auf eine Schuppenkoppel beim Hof, wo sie t wurden. In diesen Winterwochen verwilderten sie eigentlich sehr. Sie waren keine Arbeit mehr gewöhnt. Wenn wir dann Wintertags übers Feld gingen, kamen sie auf uns zugetrabt, legten die Ohren an und keilten hinten aus. Ich konnte das immer gar nicht verstehen. Lena hatte sich als 1½ jähriges Fohlen auf der Sommerweide im Stacheldraht im Sprunggelenk ein tiefes Loch gerissen. Sie bekam ein Halfter aufgesetzt, und wir gingen 6 Wochen lang jeden Abend zu zweit zu ihr. Einer hielt sie fest, der andere bestreute das Loch mit Penicillin Puder. Daran war Lena so gewöhnt, dass sie uns schon oft ein Stück entgegenkam. Das vergaß sie im Winter aber gern. Einmal hatten Lotte und Lena Wintertags gearbeitet und wurden nun auf der Scheunendiele gefüttert. Unser Helfer wollte sich umdrehen. um ihnen Kartoffeln einzuschütten, als er sich plötzlich in die Luft gehoben fühlte. Lena hatte das Warten auf das Futter zu lange gedauert. So hatte sie Jen Mann mal schnell hinten am Kragen gepackt. Er hatte aber weiter keinen Schaden davongetragen, nur die obersten Knöpfe von Hemd und Jacke waren ausgerissen.

An einem Sonntagmorgen war mein Mann noch im Stall beschäftigt, als die Pferde unseres Nachbarn bei uns über den Hof trabten. Ich fuhr mit dem Rad zu den Verwaltersleuten rüber, um ihnen Bescheid zu sagen. Da der Mann noch im Stall zu tun hatte, wollte ich der Frau (sie waren erst seit 14 Tagen neu dort) helfen, die Pferde zu greifen. Aber oha, als ich auf die junge Bleß zuging, um sie zu greifen, lief sie auf mich los, stellte sich auf die Hinterbeine und zeigte so große Zähne als wenn sie lachte. Abscheulich sah das aus, und sie lief hinter mir her. So schnell wie ich konnte rollte ich mich unter dem Weidezaun durch und verzichtete darauf, sie zu greifen.

Die Muschi hilft aus

Landleben in unserer Zeit

Bauernblatt im August 1962

Während der Getreideernte muss ich manchmal beim Einfahren helfen. Während mein Mann mit dem Treckerfahren beim Dreschen ist, stakt unser Tagelöhner mir die gehinderten Garben auf das Fuder. Da die Tage, an denen das Korn zum Einfahren oder Abdreschen trocken genug ist, oft sehr spärlich kommen, sind wir immer noch froh, wenn wir einiges Korn gebindert haben. Wenn der Mitarbeiter dann gemolken hat, machen wir meistens abends noch einige Hänger voll. Bevor ich dann abends mit aufs Feld fahre, nehme ich unseren Jungen mit oder erteile ihm Instruktionen fürs Zubettgehen.

Dieses Mal war er nicht rechtzeitig nach Hause gekommen, er war noch zum Brombeerensammeln gefahren. Ich stellte das Abendbrot für ihn auf den Tisch und schloss ab. Während des Ladens erschien er mit Karin, unserer Mitarbeitertochter, auf dem Feld, und ich bat ihn, schon allein zu essen und sich zu waschen; ich würde bald nach Hause kommen, mein Mann würde bald nicht mehr dreschen können und wollte mich dann ablösen.

Als ich dann mit dem Trecker und einem Fuder nach Hause fuhr, kamen mir die beiden angefasst entgegen. Bernt stieg zu mir auf den Trecker, Karin ging nach Hause. Er berichtete: „Wir hatten so ’ne Angst.“ Bernt behauptete, in der Waschküche hätte etwas geraschelt. Ich weiß wohl, daß Karin -obwohl 5 Jahre älter -sehr ängstlich ist. Ich machte ihm klar, daß nur die Schwälbchen mit den Flügeln dort geraschelt hätten, sonst wäre dort wirklich nichts. Man kann mit noch so viel Vernunft versuchen, den Kindern die Angst zu vertreiben, so schnell geht das oft doch nicht.

Wenn wir abends mal in die Nachbarschaft weiter wegfahren, sagen wir unserem Jungen, wohin wir fahren, dann weiß er Bescheid. Unsere Mitarbeiterfamilie weiß meistens auch, wann wir fort sind. Sie wohnt aber ein Ende ab vom Hof. Nachdem nun Bernt von diesem Abend an Angst hatte, konnten wir nicht mehr so abfahren. Ich hatte daran gar nicht mehr gedacht, als wir fortwollten. Er erklärte wieder: „Ich habe so ’ne Angst“, und fing an zu weinen. Darauf war ich nicht vorbereitet Die Zeit drängte: „Was meinst du, wenn ich dir Zitterschwanz (seine Katze) bringe, dann bist du nicht so allein.“ Er willigte ein. Aber Zitterschwanz war nicht zu finden, dafür erwischte ich die kleine schwarze Mohrle, Sie kroch zu ihm und schnurrte ganz vergnügt. Bernt freute sich, ich auch. Ich weiß natürlich, dass das unhygienisch ist, aber es war eine Lösung. Inzwischen schläft er wieder ohne eine Muschi allein im Haus, wenn wir fortfahren.

Aufregung im Kuhstall

Landleben in unserer Zeit

Bauernblatt im August 1962

Das neue Jahr fing gut bei uns an. Es war Vormittag, mein Mann war zum Gottesdienst gefahren, und ich wollte gerade zum Eiereinsammeln gehen, als im Kuhstall unsere Melkfrau auf mich losstürzte. Dita, die Kuh, wäre los, und Delia hätte gekalbt. Dita wollte und wollte nicht auf ihren Platz. Sie versuchte immer, sich bei der nächstfolgenden Kuh zwischenzuschieben, und es kostete allerhand Mühe, sie von dort wieder zu vertreiben. Schließlich hatten wir Dita am Platz und festgemacht.

Nun -Delias Kälbchen lag schon im Stroh. Wir rubbelten es trocken, packten Stroh auf die Kannenkarre und fuhren es in den Kälberstall. Es war ungefähr der. Kalbetermin, richtig, ein Kuhkälbchen war es. Die Melkfrau meinte, in der Blase wäre· noch ein Kalb. Ich langte in die Kuh, richtig, sie hatte noch eins. Ich wollte dann erst Eier einsammeln, inzwischen würde die Kuh wieder drängen, ja, es lag richtig, wir brauchten niemand zur Hilfe. Und da drängte die Kuh auch schon wieder, wir befreiten Beine und Kopf von der Blase und zogen – schwupp, hatten wir das zweite Kälbchen. Wir freuten uns darüber, ein niedliches schmales Kälbchen. Aber dieses war nun ein Bullkälbchen. Wir brachten es auch in eine Box. Bei einem Zwillingspärchen ist dann die Starke meistens unfruchtbar, schade.

 

Unsere beste Kuh, Veilchen, sollte auch noch kalben; inzwischen war mein Mann wieder da. Als ich am selben Nachmittag in den Stall kam, fragte ich ihn, „na, hast du denn ein Kälbchen gekriegt von Veilchen?“ „Kälbchen“, sagte er, „guck ihn dir man mal an, ein junger Mann ist das!“ Es war wirklich ein überaus großer und starker Bursche, er suchte die Box schon ab nach Nahrung.

Der Eber

Landleben in unserer Zeit

Bauernblatt im August 1962

Neulich, an einem Montag, war mein Mann zur Futterbautagung gefahren. Da unser Tagelöhner krank war, hatte ich vorher schon gebeten, möglichst besondere Aufgaben von mir fernzuhalten, Der Montag ist nämlich der Tag, an dem jede Woche der Eierhändler kommt. Frau Schwarz, unsere Tagelöhnerfrau, hilft mir, die letzten Eier sauberzumachen, und wir haben ordentlich zu tun, alles fertig verpackt zu haben, wenn der Eierhändler kommt.

Als ich nun mit den Drahteierkörben, darin die Tabletts, über den Hofplatz ging, kam just der Eberhalter mit seinem Tier an. Bei uns rauschten zwei Sauen, und deshalb hatte er Bescheid bekommen. Na, ich ging mit dem Mann und zeigte ihm die betreffende Sauenbucht. Dann wollte ich zu meinen Hühnern. Nun kam auch gerade das Auto mit Hühnerfutter, ich zeigte dem Fahrer, wohin er das abladen durfte.

Als ich nun endlich Hühner gefüttert und Eier eingesammelt hatte, kam der Eberhalter bei mir an, dass mit der einen Sau wäre erledigt, die zweite sollte ja auch noch gedeckt werden. Der Eber müsse noch hierbleiben. Ich zeigte ihm eine leere Bucht und bat ihn, das Schott zuzunageln, denn es war eine von den roh zusammengeschlagenen Buchten.

Als ich wieder ins Haus kam, sagte ich zu Frau Schwarz: „So, nun wollen wir endlich unsere Tasse Kaffee haben.“ Aber der Fahrer hatte schon auf mich gewartet, um zu fragen, wohin er das Junghennenmehl bringen sollte. Wir stellten die Flurtür auf, und er trug das Futter auf den Hausboden. Frau Schwarz und ich saßen heim Kaffee. Mit einem Mal schrie der Mann auf der Treppe ganz fürchterlich, so dass ich zur Tür sauste; ich sah nach oben und zum Hofplatz, konnte aber nichts Aufregendes entdecken. Dann sah ich plötzlich doch den langen schwarztriefenden Eber er hatte inzwischen ein Suhlbad genommen, sich auf dem grünen Läufer auf dem Flur vor dem Eichenschrank bewegt. Er beschnupperte das Zeug auf dem Stuhl, drehte sich um und verließ ganz ruhig wieder das Haus ohne seine schwarzen Schinken an der Tapete abzuwetzen, aber die schwarzen Spuren und der Geruch ließen sich nicht so schnell beseitigen.

Der Fahrer und Frau Schwarz haben mir dann noch geholfen, den Eber in der Sauenbucht unterzubringen, offenbar gefiel ihm das Alleinsein nicht.

Der Hausstand

Landleben in unserer Zeit

Bauernblatt 4. August 1962

Früher galt man als unvernünftig, wenn man als Angeliterin in den Westen der Provinz auf die Geest heiratete, man heiratete dann unter seinem Stande. „Cheld will to Cheld“, so hat dieses Wort ja auch manche Inzuchtlinie unter den Angler Familien zustande gebracht. Dass aber hinter diesem Hochmutsnagel doch ein Körnchen Wahrheit steckt, musste ich auch begreifen lernen.

Mit viel Schwung und gutem Willen und auch Eigenwilligkeit habe ich dann nach der Heirat meinen Hausstand angepackt. Es war vieles da, das geradezu auf mich wartete. Es sollte Frühling werden, aber man muss bei uns in Schleswig-Holstein ja noch lange, ja, bis Anfang Mai oft, heizen. Im kleinen Esszimmer musste man eher den Ofen von außen heizen, als dass dieser alte Kachelofen einem ein bisschen Wärme geschenkt hätte.

Ich muss vorweg noch sagen, dass früher einmal Heizung im Haus gewesen war, und man war anscheinend damit nicht klargekommen und hatte sie herausgerissen. So hatte auch der Kachelofen im Wohnzimmer ein langes Blechrohr über den Flur unter der Treppe durch, bis er an den Schornstein kam. Unterwegs ging natürlich viel Wärme verloren, oder es kam falscher Zug in dieses brüchige Rohr. Es dauerte bei diesem Kachelofen alten Typs auch mindestens drei Stunden, bis er anfing, Wärme auszustrahlen. Das Schöne an ihm war ein Fach für Bratäpfel oder Warmwassertöpfe. Warmwasser – bei der anfangs großen Personenzahl des Haushalts – und Obst waren knapp. Ich hatte schon in der Brautzeit beobachtet, dass die Hausfrauen in dieser Gegend, wenn sie Obst anboten, es nett abschälten, jeder sich ein- oder zweimal ein Stückchen nahm und damit war der Bedarf gedeckt. Und ich war gewohnt, Obst pfundweise zu essen, wir hatten einen Garten mit 60 Obstbäumen mit den herrlichen Sorten gehabt.

Nun, das Schlimmste war aber der Herd. Aus zwei alten hatte man einen gemacht. Wenn wir in den ersten Sommern 20 Personen und mehr oft zu Tisch waren, und es sollte z. B. eine Brühsuppe in einem Topf und zwei Mehlpuddinge „Mehlbüdel“, also in zwei Kochtöpfen – gekocht werden, dann mussten die Mehlbeutel alle Viertelstunde umgesetzt werden, sonst blieb der linke nicht im Kochen. Wehte gar der Wind von Westen, so war kein Feuer zu kriegen, und die Küche war verqualmt; ich war verzweifelt, bis der Nachbar mal darüber zukam und mir dann zeigte, dass man in der Richtung die Türen nach außen aufstellen musste.

Ach, ja, wie oft musste ich beim Feuermachen an die Worte meines Angeliter Schwagers denken, der meine Sachen mit Unimog und Hänger auf den Hof brachte: „Eigentlich hättest du ja von uns zwei Sack trockenes Sprockholz zur Hochzeit haben sollen.“ Ich habe damals scherzend abgewehrt und gelacht. Aber es war im Holzstall kaum trockenes zum Feuermachen zu finden. So langsam erreichte ich, dass das Dach vom Holzstall geteert und auch nur trockenes Holz dorthin gebracht wurde.

In der Küche stand auch eine gestrichene Torfkiste. Es war mir aufgefallen, dass sie zu drei Viertel voll von altem erdigem Zeug sein musste.

Zehn Tage nach. unserer Hochzeit musste auch eingeschlachtet werden, denn es waren keine Vorräte da. Die Arbeit ging an dem Tag gut voran, nachmittags fuhr ich mit Pferd und Wagen zum Kaufmann, um die Dosen schließen zu lassen. Als ich von dort zurückkam, standen die Frau und das junge Mädchen, die mir halfen, in der Küche und juckten sich, wehrten fliegende Insekten ab und wünschten sich angenehmes Flohbeißen für die Nacht. An den Fensterscheiben schwirrten dicht bei dicht diese Tierchen. Auch auf meinem braunen Topf mit Sauerfleisch schwammen sie. Ich besah mir die Tiere, und wo sie herkamen. Sie kamen aus der Torfkiste, – jawohl, es waren fliegende Ameisenmännchen, die nun bei der Hitze des Schlachttages Frühlingsgefühle gekriegt hatten. Noch am selben Tag nach Feierabend, habe ich eine Schaufel genommen – und einen ganzen Ameisenstaat in bester humoser Gartenerde ans Licht befördert. Einige Schaufeln waren schier gefüllt mit kleinen weißen Ameiseneiern.

Ich mag sonst gerne Ameisen leiden und weiß auch, wie nützlich die fleißigen Tierchen sind, aber die Wanne voll mit den Ameisen und ihrem Zubehör schütteten wir auf dem Feld aus. Anschließend nahm ich die Axt – ich wusste ja, wie man mit so einem Werkzeug umgeht – und schlug die Kiste raus. Die Kiste war an einer Holzwand angenagelt. Die Wand war zerfressen von den Ameisen. Ich habe an die Wand so lange ein Insektenpulver gestreut, bis keine Ameisen mehr herauskamen. Auch unter dem Fenster im großen Zimmer traten hinter der Fußleiste im Sommer Ameisen hervor. Sie mussten auch verschwinden.

Leider waren die Ameisen nicht die einzigen unerwünschten Gäste, die es in unserem Hause gab, Auch der Holzwurm war nicht nur auf dem rohen Hausboden vertreten, sondern auch im alten Sekretär, den die Urgroßmutter auf den Hof gebracht hatte. Ein Sekretär im Empire-Stil mit hübschen Intarsien und Perlmuttknöpfchen auf den kleinen Schubladen. An der zum Fenster gewandten Seite steckten zwei große Vier Zoll Nägel, daran hatte der Vorgänger seine „Buchführung“ aufgehängt (Rechnungen und Belege]. Der Sekretär wurde von innen und außen mit Xylamon eingepinselt und jedes Mal, wenn mein Mann die Schubladen aufzog, wich er betäubt zurück. Auch die Zigarren, die darin aufbewahrt wurden, schmeckten derart „pikant“, dass wir sie niemandem mehr anbieten konnten. Weit schwieriger als in einem Möbelstück ist der Holzwurm im Fußboden loszuwerden. Aber mit der Zeit haben wir es auch geschafft.

So bin ich auch mit dem Speckkäfer in meiner Räucherkammer fertig geworden. Die Kammer wurde mehrere Male mit Jakutin ausgeräuchert, die Schinken mit Bamenit bestäubt und in Plastikbeutel mit Gazescheibe gesteckt. Späteres Auslegen von Käserinden in und um die Räucherkammer brachten keinen Speckkäfer mehr ans Licht.

Hin und wieder kommen auch Mäuse ins Haus. Die fangen wir mit Fallen oder legen Gift aus. Ratten haben wir im Hause nicht gekannt, aber im Stall häufiger mal. Unsere Toilette lag im Schweinestall neben einer Sauenbucht, Nun war der Schweinestall noch nach alter Art eingerichtet, und bei den schlechten Luftverhältnissen im Winter „weinte“ er meistens. Dasselbe hatte offenbar auch unsere Toilette dort. Da aber unter diesem „ländlichen“ Eimerplatz Ratten wohnten, kam man nicht in Versuchung, dort „haften“ zu bleiben. Auch konnte es vorkommen, dass es der Sau gelang, das Schott zu öffnen und einen so zu stören. Diese Dinge ließen sich erst später ändern, als wir ein WC im Haus bekamen.

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Wenn uns Verwandte oder Bekannte aus der Stadt besuchen, sagen sie oft: „Oh, wie wohnt Ihr hier einsam!“ oder aber auch, „Wie ist das hier herrlich ruhig!“

Wir empfinden unser Zuhause keineswegs als einsam (von der Teerstraße führt der Weg 100 m ab auf unseren Hof; zur nächsten bäuerlichen Nachbarin gehe ich 10 Minuten}. Im Gegenteil, wir freuen uns über unsere Ruhe hier.

Doch so ganz ruhig geht es wohl auf keinem Bauernhof zu und manches Mal wünsche ich, wir möchten nicht so leicht zu finden sein. Wir werden ohnehin von vielen Beratern und Geschäftsfreunden besucht, die in bestimmten Abständen zu uns kommen. Wir sind einem Beratungsring und der Schweineberatung angeschlossen und auch die Geflügelfutterfirma schickt ihre Berater in bestimmten Abständen. Wir sind an und für sich sehr dankbar für diese Beratung, denn Leute, die sich intensiv mit einem Betriebszweig befassen, können einem ja meistens allerlei notwendigen Wissen vermitteln und auch die anstehenden Probleme lösen helfen. Nur können sie nicht ahnen und es auch nicht so einrichten, wie uns ihr Kommen am besten passt. Wenn ich gerade beim Mittagessenbereiten bin, kommt mir so ein Berater nicht gerade passend, man muss eben gelernt haben, nun wenn wo man keine jungen Mädchen mehr hat, sich einzurichten und sich schnell umzustellen.

Ferner sind wir der Milchkontrolle und der Besamung angeschlossen. Da oft kein Mann auf dem Hof ist, wenn der Tierarzt oder Techniker kommt, gehe ich dann mit in den Stall. 20 bis 30 Minuten sind dann schnell vergangen.

Beim Kaufmann im Dorf bestelle ich jeden Sonnabendmorgen alle nötigen Haushaltswaren, womit ich meistens eine Woche auskomme. Zweimal wöchentlich kommt der Bäcker mit dem Wagen, und auch das Auto mit Obst und Gemüse kommt einmal in der Woche. So werden wir beute mit dem Nötigsten für den Haushalt versorgt. Auch das Schrot für Schweine und Kühe bestellen wir bei dem Vertreter der Genossenschaft oder Mühlenfirma, der uns auch wöchentlich besucht.

Das sind nun alles Leute, die uns Transport und Arbeit abnehmen und gern bei uns gesehen sind. Wenn nun aber Vertreter für Versicherungen und Nähmaschinen, Seifenpulver, Teppiche oder gar Korsetts usw. erscheinen, dann betrachte ich sie nicht nur kritisch, sondern versuche, sie schnell loszuwerden, was oft schwerfällt. Es tut mir leid um meine kostbare Zeit, wenn das nicht so schnell glückt. Am besten erreicht man das, wenn man erzählt, dass man kein Geld hat.

Da wir im Winter Heizung gelegt _bekamen, sind die meisten Räume dabei gründlich gesäubert worden. Das kommt mir sehr gelegen, wo ich immer spekuliere, wie ich mit weniger Arbeit auskommen kann. Nun sollten nur noch die Betten und Matratzen raus. Eines Morgens, als das Wetter schön zu werden versprach, beschlossen Frau Schwarz und ich, die Betten zu sonnen. Die Betten aus Schlaf- und Kinderzimmer, die ebenerdig gelegen sind, konnten wir aus der Haustür tragen, oder ich reichte Frau Schwarz die Teile durchs Fenster zu und sie packte sie auf die Leiter und die Drahtleine.

Dann kamen die Fremdenbetten aus den Bodenstuben · an die Reihe. Wie breiteten unten einen Bettschoner aus und darauf warf ich lustig alles aus dem Fenster herunter. Es machte mir richtig Spaß. Als ich wieder etwas rauswerfen wollte, rief Frau Schwarz, ich möchte mal gucken, ein Herr wolle mich sprechen. Der Herr grüßte freundlich und fragte, ob mein Mann zu Hause sei. Der wäre auf dem Feld, antwortete ich. Ja, ob er ihn nicht mal sprechen könnte, worauf ich ihm kurz bedeutete, dass er ja mit seinem Wagen, den ich am Wege stehen sah, dorthin fahren könnte. Nun schwenkte der Herr etwas vertraulich die Aktentasche: „Es handelt sich um die Einkommensteuer.“ Nun dämmerte es bei mir, und ich versprach, sofort herunter zu kommen. „Aber doch nicht so“. er deutete die Richtung an, die die Matratzen durch das Fenster genommen hatten. Unten begrüßte ich den Herrn und entschuldigte meine kurze Art, ich hätte ihn bei meiner Kurzsichtigkeit einfach nicht erkannt, aber mit dieser Art hielt ich mir manche unliebsamen Leute fern. Er meinte dann, sie (nämlich die Finanzbeamten} wären sehr anhänglich. Ich bescheinigte ihm dann noch, dass er offenbar einen guten Riecher für Geld hätte, denn mein Mann hatte an dem Morgen gerade Schweine verkauft.

Barbara Hansen