Der Hausstand

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Landleben in unserer Zeit

Bauernblatt 4. August 1962

Früher galt man als unvernünftig, wenn man als Angeliterin in den Westen der Provinz auf die Geest heiratete, man heiratete dann unter seinem Stande. „Cheld will to Cheld“, so hat dieses Wort ja auch manche Inzuchtlinie unter den Angler Familien zustande gebracht. Dass aber hinter diesem Hochmutsnagel doch ein Körnchen Wahrheit steckt, musste ich auch begreifen lernen.

Mit viel Schwung und gutem Willen und auch Eigenwilligkeit habe ich dann nach der Heirat meinen Hausstand angepackt. Es war vieles da, das geradezu auf mich wartete. Es sollte Frühling werden, aber man muss bei uns in Schleswig-Holstein ja noch lange, ja, bis Anfang Mai oft, heizen. Im kleinen Esszimmer musste man eher den Ofen von außen heizen, als dass dieser alte Kachelofen einem ein bisschen Wärme geschenkt hätte.

Ich muss vorweg noch sagen, dass früher einmal Heizung im Haus gewesen war, und man war anscheinend damit nicht klargekommen und hatte sie herausgerissen. So hatte auch der Kachelofen im Wohnzimmer ein langes Blechrohr über den Flur unter der Treppe durch, bis er an den Schornstein kam. Unterwegs ging natürlich viel Wärme verloren, oder es kam falscher Zug in dieses brüchige Rohr. Es dauerte bei diesem Kachelofen alten Typs auch mindestens drei Stunden, bis er anfing, Wärme auszustrahlen. Das Schöne an ihm war ein Fach für Bratäpfel oder Warmwassertöpfe. Warmwasser – bei der anfangs großen Personenzahl des Haushalts – und Obst waren knapp. Ich hatte schon in der Brautzeit beobachtet, dass die Hausfrauen in dieser Gegend, wenn sie Obst anboten, es nett abschälten, jeder sich ein- oder zweimal ein Stückchen nahm und damit war der Bedarf gedeckt. Und ich war gewohnt, Obst pfundweise zu essen, wir hatten einen Garten mit 60 Obstbäumen mit den herrlichen Sorten gehabt.

Nun, das Schlimmste war aber der Herd. Aus zwei alten hatte man einen gemacht. Wenn wir in den ersten Sommern 20 Personen und mehr oft zu Tisch waren, und es sollte z. B. eine Brühsuppe in einem Topf und zwei Mehlpuddinge „Mehlbüdel“, also in zwei Kochtöpfen – gekocht werden, dann mussten die Mehlbeutel alle Viertelstunde umgesetzt werden, sonst blieb der linke nicht im Kochen. Wehte gar der Wind von Westen, so war kein Feuer zu kriegen, und die Küche war verqualmt; ich war verzweifelt, bis der Nachbar mal darüber zukam und mir dann zeigte, dass man in der Richtung die Türen nach außen aufstellen musste.

Ach, ja, wie oft musste ich beim Feuermachen an die Worte meines Angeliter Schwagers denken, der meine Sachen mit Unimog und Hänger auf den Hof brachte: „Eigentlich hättest du ja von uns zwei Sack trockenes Sprockholz zur Hochzeit haben sollen.“ Ich habe damals scherzend abgewehrt und gelacht. Aber es war im Holzstall kaum trockenes zum Feuermachen zu finden. So langsam erreichte ich, dass das Dach vom Holzstall geteert und auch nur trockenes Holz dorthin gebracht wurde.

In der Küche stand auch eine gestrichene Torfkiste. Es war mir aufgefallen, dass sie zu drei Viertel voll von altem erdigem Zeug sein musste.

Zehn Tage nach. unserer Hochzeit musste auch eingeschlachtet werden, denn es waren keine Vorräte da. Die Arbeit ging an dem Tag gut voran, nachmittags fuhr ich mit Pferd und Wagen zum Kaufmann, um die Dosen schließen zu lassen. Als ich von dort zurückkam, standen die Frau und das junge Mädchen, die mir halfen, in der Küche und juckten sich, wehrten fliegende Insekten ab und wünschten sich angenehmes Flohbeißen für die Nacht. An den Fensterscheiben schwirrten dicht bei dicht diese Tierchen. Auch auf meinem braunen Topf mit Sauerfleisch schwammen sie. Ich besah mir die Tiere, und wo sie herkamen. Sie kamen aus der Torfkiste, – jawohl, es waren fliegende Ameisenmännchen, die nun bei der Hitze des Schlachttages Frühlingsgefühle gekriegt hatten. Noch am selben Tag nach Feierabend, habe ich eine Schaufel genommen – und einen ganzen Ameisenstaat in bester humoser Gartenerde ans Licht befördert. Einige Schaufeln waren schier gefüllt mit kleinen weißen Ameiseneiern.

Ich mag sonst gerne Ameisen leiden und weiß auch, wie nützlich die fleißigen Tierchen sind, aber die Wanne voll mit den Ameisen und ihrem Zubehör schütteten wir auf dem Feld aus. Anschließend nahm ich die Axt – ich wusste ja, wie man mit so einem Werkzeug umgeht – und schlug die Kiste raus. Die Kiste war an einer Holzwand angenagelt. Die Wand war zerfressen von den Ameisen. Ich habe an die Wand so lange ein Insektenpulver gestreut, bis keine Ameisen mehr herauskamen. Auch unter dem Fenster im großen Zimmer traten hinter der Fußleiste im Sommer Ameisen hervor. Sie mussten auch verschwinden.

Leider waren die Ameisen nicht die einzigen unerwünschten Gäste, die es in unserem Hause gab, Auch der Holzwurm war nicht nur auf dem rohen Hausboden vertreten, sondern auch im alten Sekretär, den die Urgroßmutter auf den Hof gebracht hatte. Ein Sekretär im Empire-Stil mit hübschen Intarsien und Perlmuttknöpfchen auf den kleinen Schubladen. An der zum Fenster gewandten Seite steckten zwei große Vier Zoll Nägel, daran hatte der Vorgänger seine „Buchführung“ aufgehängt (Rechnungen und Belege]. Der Sekretär wurde von innen und außen mit Xylamon eingepinselt und jedes Mal, wenn mein Mann die Schubladen aufzog, wich er betäubt zurück. Auch die Zigarren, die darin aufbewahrt wurden, schmeckten derart „pikant“, dass wir sie niemandem mehr anbieten konnten. Weit schwieriger als in einem Möbelstück ist der Holzwurm im Fußboden loszuwerden. Aber mit der Zeit haben wir es auch geschafft.

So bin ich auch mit dem Speckkäfer in meiner Räucherkammer fertig geworden. Die Kammer wurde mehrere Male mit Jakutin ausgeräuchert, die Schinken mit Bamenit bestäubt und in Plastikbeutel mit Gazescheibe gesteckt. Späteres Auslegen von Käserinden in und um die Räucherkammer brachten keinen Speckkäfer mehr ans Licht.

Hin und wieder kommen auch Mäuse ins Haus. Die fangen wir mit Fallen oder legen Gift aus. Ratten haben wir im Hause nicht gekannt, aber im Stall häufiger mal. Unsere Toilette lag im Schweinestall neben einer Sauenbucht, Nun war der Schweinestall noch nach alter Art eingerichtet, und bei den schlechten Luftverhältnissen im Winter „weinte“ er meistens. Dasselbe hatte offenbar auch unsere Toilette dort. Da aber unter diesem „ländlichen“ Eimerplatz Ratten wohnten, kam man nicht in Versuchung, dort „haften“ zu bleiben. Auch konnte es vorkommen, dass es der Sau gelang, das Schott zu öffnen und einen so zu stören. Diese Dinge ließen sich erst später ändern, als wir ein WC im Haus bekamen.

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Wenn uns Verwandte oder Bekannte aus der Stadt besuchen, sagen sie oft: „Oh, wie wohnt Ihr hier einsam!“ oder aber auch, „Wie ist das hier herrlich ruhig!“

Wir empfinden unser Zuhause keineswegs als einsam (von der Teerstraße führt der Weg 100 m ab auf unseren Hof; zur nächsten bäuerlichen Nachbarin gehe ich 10 Minuten}. Im Gegenteil, wir freuen uns über unsere Ruhe hier.

Doch so ganz ruhig geht es wohl auf keinem Bauernhof zu und manches Mal wünsche ich, wir möchten nicht so leicht zu finden sein. Wir werden ohnehin von vielen Beratern und Geschäftsfreunden besucht, die in bestimmten Abständen zu uns kommen. Wir sind einem Beratungsring und der Schweineberatung angeschlossen und auch die Geflügelfutterfirma schickt ihre Berater in bestimmten Abständen. Wir sind an und für sich sehr dankbar für diese Beratung, denn Leute, die sich intensiv mit einem Betriebszweig befassen, können einem ja meistens allerlei notwendigen Wissen vermitteln und auch die anstehenden Probleme lösen helfen. Nur können sie nicht ahnen und es auch nicht so einrichten, wie uns ihr Kommen am besten passt. Wenn ich gerade beim Mittagessenbereiten bin, kommt mir so ein Berater nicht gerade passend, man muss eben gelernt haben, nun wenn wo man keine jungen Mädchen mehr hat, sich einzurichten und sich schnell umzustellen.

Ferner sind wir der Milchkontrolle und der Besamung angeschlossen. Da oft kein Mann auf dem Hof ist, wenn der Tierarzt oder Techniker kommt, gehe ich dann mit in den Stall. 20 bis 30 Minuten sind dann schnell vergangen.

Beim Kaufmann im Dorf bestelle ich jeden Sonnabendmorgen alle nötigen Haushaltswaren, womit ich meistens eine Woche auskomme. Zweimal wöchentlich kommt der Bäcker mit dem Wagen, und auch das Auto mit Obst und Gemüse kommt einmal in der Woche. So werden wir beute mit dem Nötigsten für den Haushalt versorgt. Auch das Schrot für Schweine und Kühe bestellen wir bei dem Vertreter der Genossenschaft oder Mühlenfirma, der uns auch wöchentlich besucht.

Das sind nun alles Leute, die uns Transport und Arbeit abnehmen und gern bei uns gesehen sind. Wenn nun aber Vertreter für Versicherungen und Nähmaschinen, Seifenpulver, Teppiche oder gar Korsetts usw. erscheinen, dann betrachte ich sie nicht nur kritisch, sondern versuche, sie schnell loszuwerden, was oft schwerfällt. Es tut mir leid um meine kostbare Zeit, wenn das nicht so schnell glückt. Am besten erreicht man das, wenn man erzählt, dass man kein Geld hat.

Da wir im Winter Heizung gelegt _bekamen, sind die meisten Räume dabei gründlich gesäubert worden. Das kommt mir sehr gelegen, wo ich immer spekuliere, wie ich mit weniger Arbeit auskommen kann. Nun sollten nur noch die Betten und Matratzen raus. Eines Morgens, als das Wetter schön zu werden versprach, beschlossen Frau Schwarz und ich, die Betten zu sonnen. Die Betten aus Schlaf- und Kinderzimmer, die ebenerdig gelegen sind, konnten wir aus der Haustür tragen, oder ich reichte Frau Schwarz die Teile durchs Fenster zu und sie packte sie auf die Leiter und die Drahtleine.

Dann kamen die Fremdenbetten aus den Bodenstuben · an die Reihe. Wie breiteten unten einen Bettschoner aus und darauf warf ich lustig alles aus dem Fenster herunter. Es machte mir richtig Spaß. Als ich wieder etwas rauswerfen wollte, rief Frau Schwarz, ich möchte mal gucken, ein Herr wolle mich sprechen. Der Herr grüßte freundlich und fragte, ob mein Mann zu Hause sei. Der wäre auf dem Feld, antwortete ich. Ja, ob er ihn nicht mal sprechen könnte, worauf ich ihm kurz bedeutete, dass er ja mit seinem Wagen, den ich am Wege stehen sah, dorthin fahren könnte. Nun schwenkte der Herr etwas vertraulich die Aktentasche: „Es handelt sich um die Einkommensteuer.“ Nun dämmerte es bei mir, und ich versprach, sofort herunter zu kommen. „Aber doch nicht so“. er deutete die Richtung an, die die Matratzen durch das Fenster genommen hatten. Unten begrüßte ich den Herrn und entschuldigte meine kurze Art, ich hätte ihn bei meiner Kurzsichtigkeit einfach nicht erkannt, aber mit dieser Art hielt ich mir manche unliebsamen Leute fern. Er meinte dann, sie (nämlich die Finanzbeamten} wären sehr anhänglich. Ich bescheinigte ihm dann noch, dass er offenbar einen guten Riecher für Geld hätte, denn mein Mann hatte an dem Morgen gerade Schweine verkauft.

Barbara Hansen